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21.08.2007
„Wir werden weiter gegen jede Art von Antisemitismus kämpfen“ – Interview mit Roger Dan Nussbaum von Makkabi Deutschland
Ausgangspunkt war ein Spiel der zweiten Mannschaft von Makkabi im vergangenen Herbst bei der VSG Altglienicke II. Nach antisemitischen Beschimpfungen, die vom Schiedsrichter ignoriert wurden, verließ das Team den Platz. Das Wiederholungsspiel war Anlass für weitere sportgerichtliche Auseinandersetzungen wegen des Einsatzes von Spielern der 1. Mannschaft. Durch klare Verfahrensfehler wurde Makkabi der bereits sicher geglaubte Aufstieg in die Kreisliga A nachträglich aberkannt, der Verein wandte sich schließlich an das Berliner Landgericht, das den Aufstieg per einstweiliger Verfügung durchsetzte, gegen die wiederum der Berliner Fußball-Verband Widerspruch einlegte. Der Vorfall hat nicht nur die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen der Sportgerichtsbarkeit aufgeworfen, sondern weist auch noch einmal auf die Problematik antisemitischer und rassistischer Diskriminierung gerade im Amateurbereich hin.
amballbleiben sprach mit Roger Dan Nussbaum, der lange Jahre im Präsidium von Makkabi Berlin war und 2002 in das übergeordnete Organ Makkabi Deutschland gewählt wurde. Er ist jedoch nicht nur ehrenamtlicher Funktionär, sondern spielt auch selbst bei den Senioren von Makkabi Berlin Fußball und erlebt so Woche für Woche das Leben auf den Berliner Sportplätzen mit seinen Licht- und Schattenseiten. Seit dem vergangenen Jahr ist Roger Dan Nussbaum Mitglied der von Professor Pilz geleiteten Expertengruppe „Für Toleranz, gegen Rassismus und Diskriminierung“ im Rahmen der Task Force des DFB.
Wie ist der aktuelle Stand der Dinge in der Auseinandersetzung zwischen Makkabi und dem Berliner Fußball-Verband?
Da ich im Verein kein offizielles Amt mehr bekleide, möchte ich mich zu den Streitigkeiten zwischen dem BFV und TuS Makkabi zurzeit ungerne äußern. Jedoch so viel kann ich sagen: Vorerst wird die Verhandlung des Landgerichts, die am kommenden Freitag stattfindet, richtungsweisend sein. Nach Verkündung des Urteiles wird Makkabi Berlin entsprechend des Urteils agieren. Generell aber wird Makkabi, sowohl in Berlin als auch deutschlandweit, weiterhin gegen jede Art von Antisemitismus kämpfen.
Welche Reaktionen gab es denn von anderen Vereinen auf den Schritt, vor ein ordentliches Gericht zu gehen?
Es gibt viele Vereine – vor allem auch türkische – die sich bei uns melden und uns Mut zusprechen. Sie haben ähnliche Probleme, sind aber oft nicht in der Lage, sich entsprechend zu wehren. Wir haben durch die gute Vernetzung unserer derzeit 37 Makkabi-Vereine und des Dachverbandes Makkabi Deutschland da noch mal andere Möglichkeiten. Der Schritt, vor ein Sportgericht zu gehen, erfordert ja auch einiges an Ressourcen und wird nicht von allen Vereinen beschritten.
Die aktuellen Streitigkeiten sind eine direkte Nachwirkung eines Spiels vom vergangenem Herbst, bei dem die 2. Mannschaft von Makkabi Berlin nach antisemitischen Schmähungen schließlich den Platz verließ. Wie sieht der Alltag für Makkabi-Vereine aus?
Tipp:
Informationen zum Thema Antisemitismus im Fußball finden Sie in unserer Rubrik Themenfelder
Der Vorfall vom vergangenen Herbst ist nur die Spitze des Eisberges. Leider sind Beschimpfungen wie „Judensau“ oder Ähnliches immer wieder zu hören und man hat sich, so schlimm das auch ist, schon fast daran gewöhnt. Bei einem Spiel im Norden Berlins haben wir vor einigen Jahren erlebt, dass ein Spieler nach dem Spiel unter der Dusche tätlich angegriffen wurde – „Juden duschen bei uns nicht“ war der Spruch vom gegnerischen Verein. Die Sportgerichtsverhandlung ist ohne wirkliche Konsequenzen geblieben, er hätte ja auch hingefallen sein können, hieß es dann. Bei dem Spiel gegen Altglienicke im letzten Jahr hat endlich eine Mannschaft – in dem Fall unsere Reserve – den richtigen Schritt getan und konsequent gehandelt. Die Jungs hatten den Mut, ohne auf Punkte und Spielausgang Rücksicht zu nehmen, den Platz zu verlassen und so eine gewisse Aufmerksamkeit auf die Missstände zu lenken. Zumeist erleben wir derartige Beleidigungen und führen in Hinblick auf den sportlichen Aspekt die Spiele trotzdem zu Ende. Damit ist jetzt Schluss!
Sie sind Mitglied einer der Expertengruppen der DFB-Task-Force gegen Gewalt und Rassismus. Wie sind Ihre Wünsche und Erwartungen an den DFB bzw. auch die Landesverbände? Und gibt es aktuell konkrete Projekte in der Auseinandersetzung mit rassistischer und antisemitischer Diskriminierung im Fußball, gerade auf Ebene der Amateurklubs?
Für mich persönlich ist die Berufung in die Expertengruppe von Professor Pilz eine Anerkennung für jahrelange, erfolgreiche Funktionärsarbeit im Sport, zum anderen aber ist es für mich eine große Verantwortung und Herausforderung, nun auf einer „höheren“ Ebene, gemeinsam mit dem DFB, tätig zu werden und all die Missstände, die wir in den Amateurvereinen erfahren, verändern zu können. Dies ist auch meine größte Erwartung. Ich habe bei den letzten Treffen der Expertengruppe immer wieder auf das Problem der Sportgerichtsbarkeit hingewiesen und fühle mich nun – leider – bestätigt. Gerade bei solchen Verhandlungen fehlt vielleicht gar nicht so sehr das juristische Fachwissen, sondern vor allem auch eine gewisse Sensibilität und eine moralische Einstellung. So traurig es klingt, aber vielleicht braucht es oftmals erst „Katastrophen“, damit die Notwendigkeit von einschneidenden Veränderungen erkannt wird. Insofern hat der Streitfall jetzt vielleicht die Konsequenz, dass viel darüber geredet wird und auch eine größere Sensibilisierung bei allen Beteiligten erreicht wird und dann zum Beispiel auch eine Verbesserung der Sportgerichtsbarkeit. Generell gesprochen haben sich die Probleme von den Profiligen in die der Amateurligen verschoben. Hier sind die Kontrollen schwächer und die Konsequenzen, wie man sieht, nicht so drastisch. Unsere Expertengruppe erarbeitet seit Monaten „Projekte“ aber auch ganz einfache Vorschläge, um diese Missstände zu bekämpfen. Die Ergebnisse werden in Kürze dem DFB-Präsidium vorgelegt.
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